Jobsharing in der Radiologie: Wie zwei Fachärztinnen aus Dresden die Dienstplanung neu denken
- amelie336
- vor 1 Tag
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Jobsharing ist im Klinikalltag noch selten und gerade deshalb ein starkes Signal, wenn es gelingt. Im Städtischen Klinikum Dresden haben zwei Radiologinnen genau das gewagt: Als erstes ärztliches Tandem im Haus teilen sich Dr. Anne Röhnert und Dr. Stephanie Schönekäs die Verantwortung für die standortübergreifende Dienstplanung.
Was sie motiviert hat, was im Alltag wirklich funktioniert und warum ihr „Vier-Augen-Modell“ für die Radiologie ein Gewinn ist, darüber haben wir mit den beiden gesprochen.

Wie alles begann: Ein Angebot, das passte
Beide Ärztinnen arbeiten seit Jahren in der Radiologie, jeweils in Teilzeit mit familiären Aufgaben, mehreren Kindern und einem körperlich schwerbehinderten Kind. Der Impuls für das Tandem kam überraschend aus dem Haus selbst: Der leitende Oberarzt sprach sie an, ob sie sich eine geteilte Stelle für die komplexe Dienstplanung vorstellen könnten.
Anne Röhnert erinnert sich: „Der Bereich war separat von der normalen radiologischen Diagnostik gedacht, eine gute Möglichkeit, Personalplanung und Teilzeit zu verbinden.“ Stephanie Schönekäs ergänzt: „Da wir beide in einer ähnlichen Lebenssituation sind, fiel die Entscheidung schnell.“
Damit wurde ein neues Modell geboren, das es in der Klinik so noch nicht gab.
Wie sie zusammengefunden haben
Die beiden kannten sich bereits gut aus der täglichen Zusammenarbeit in der Radiologie. Teilzeit, Familienorganisation, strukturierter Arbeitsstil, vieles war ähnlich.
„Wir waren bereits vertraut mit koordinativen Aufgaben, nicht nur beruflich, sondern auch aus unseren Familien heraus“, sagt Stephanie. Diese Basis half, um von Anfang an als funktionierendes Zweierteam in ein neues Aufgabenfeld zu starten.
Dienstplanung im Doppel: Wie sie ihr Modell organisieren
Der gemeinsame Verantwortungsbereich ist groß:
Sammlung aller Wünsche und Abwesenheiten
Erstellung des ersten Dienstplanentwurfs
Abstimmungen mit Kolleg:innen & Vorgesetzten
Anpassungen bei Änderungswünschen
Kommunikation bei Problemen
Organisation kurzfristiger Ausfälle
Finalisierung des Plans
Dabei arbeiten sie sowohl unabhängig voneinander als auch gemeinsam je nach Schritt. Eine Herausforderung bleibt ihre wechselnde Teilzeitpräsenz: „Wir gleichen das durch klare schriftliche und telefonische Absprachen aus“, erklären beide.
Was das Coaching verändert hat
Der Coaching-Tag mit den Trainerinnen des Jobsharing Hub hat bei beiden viel angestoßen. „Wir haben uns gegenseitig mit unseren Stärken und Schwächen besser kennengelernt“, erzählen sie. Dazu kamen konkrete Strategien für Kommunikation und Organisation, etwa ein fester jour fixe, der den Austausch strukturierter macht.
Dieses gemeinsame Verständnis bildet heute ein stabiles Fundament für ihre Abstimmung.
Hürden? Ja, aber lösbare
Die größte Herausforderung für ein funktionierendes Tandem: Beide müssen nicht nur die Aufgaben, sondern auch die Kolleg:innen gut kennen. Wünsche, Präferenzen, Belastungsgrenzen, all das ist wichtig für eine faire Dienstplanung. „Wir mussten Strategien entwickeln, wie wir Wissen teilen und Entscheidungen abstimmen“, berichten sie. Bei Problemen oder Änderungswünschen sei zudem Feinfühligkeit gefragt, ein Teil der Arbeit, der sich nicht automatisieren lässt.
Welche Reaktionen sie im Haus bekommen haben
In ihrem direkten Umfeld? Ausschließlich positive.
„Unser Chef hat uns zum Start sogar Blumen überreicht“, sagt Anne. Auch der leitende Oberarzt empfinde das Modell als Entlastung, weil viele Fragen heute direkt im Tandem geklärt werden. Kolleg:innenanderer Abteilungen reagieren vor allem überrascht, im positiven Sinne. Jobsharing im ärztlichen Dienst ist noch wenig verbreitet, aber umso spannender für alle, die mit dem Modell zum ersten Mal in Berührung kommen.
Der größte Aha-Moment: Personalverantwortung gehört ins Tandem
Beide nennen denselben Punkt: Vier Augen sehen mehr als zwei.
„Wir kennen das 4-Augen-Prinzip aus der Radiologie und übertragen es nun auf Personalverantwortung“, erklären sie. Gemeinsame Ideen führen oft zu gerechteren Dienstverteilungen und schnelleren Lösungen, gerade im stressigen Klinikalltag.
Warum sie im Tandem mehr erreichen als allein
Zu zweit behalten sie leichter den Überblick, vor allem bei Abwesenheiten, kurzfristigen Ausfällen und hohen Anforderungen an die Versorgungssicherheit. „Die Personalplanung ist während eines normalen Radiologie-Dienstes für eine einzelne Person kaum zu schaffen“, sagen sie. Jobsharing schafft Luft und ermöglicht es beiden, die Zusatzaufgaben überhaupt zu übernehmen.
Eine Anekdote? Radiologie-Humor inklusive
„Wir als „Vollblutradiologen“ haben erfahren, dass es sehr hilfreich sein kann, nicht nur allein schwarz-weiß zu sehen, sondern gemeinsam im Tageslicht einen Plan zu erstellen. Das erhellt den Arbeitsalltag ungemein.“
Was Jobsharing für ihre Work-Familien-Balance bedeutet
Für Anne und Stephanie ist Jobsharing weniger ein Entspannungsmodell als eine Ermöglichungsstruktur: „Teilzeit ist die Basis. Jobsharing ist die Chance, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen UND gleichzeitig für die Familie da zu sein.“ Sie erhalten dadurch Einblicke in Abläufe, die sonst nur leitenden Positionen vorbehalten sind, ohne Vollzeit arbeiten zu müssen.
Ihr Tipp an Ärzt:innen, die ein Tandem ausprobieren möchten
Beide empfehlen das Modell ausdrücklich mit einer klaren Voraussetzung:
Freude an Teamarbeit, Offenheit für Kommunikation, Bereitschaft zur Selbstorganisation
„Jobsharing ist eine Chance, sich fachlich und menschlich weiterzuentwickeln. Und es hält komplexe innerklinische Strukturen am Laufen.“ Vier Augen sehen eben mehr als zwei.




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