Männer im Jobsharing: Wie das Modell Vaterschaft, Führung und Rollenbilder verändert!
- amelie336
- vor 9 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Jobsharing ist längst nicht mehr nur ein Thema für Frauen. Immer mehr Männer entscheiden sich bewusst dafür, Führungsverantwortung zu teilen, Arbeitszeit zu reduzieren und Beruf und Familie neu auszubalancieren. Trotzdem gilt das Modell für viele noch immer als ungewohnt, vor allem dann, wenn Männer diesen Weg gehen.
Aber warum eigentlich? Denn schaut man genauer hin, geht es selten nur um ein Arbeitsmodell. Es geht um Fragen wie:
Wer bin ich - im Job und darüber hinaus?
Wie will ich Verantwortung leben?
Und wie bereit bin ich, mich auch trotz Widerständen dafür einzusetzen?
Drei Perspektiven geben darauf Antworten. Denn Lukas und Kibreab von Beiersdorf sowie Dirk von Dräger haben sich Zeit genommen und uns erzählt, wie sie diesen Weg gegangen sind, was sie dabei gelernt haben und warum gerade Männer im Tandem oft mehr verändern, als ihnen selbst bewusst ist.

Drei Wege ins Tandem
Bei Lukas begann alles mit einem Moment, der vieles verändert hat, der Sprung von einem auf drei Kinder.
„Ein wunderbarer Schock“, nennt er es selbst. Und gleichzeitig der Punkt, an dem klar wurde: So wie bisher wird es nicht weitergehen. Zwei Eltern, drei Kinder, beide arbeiten Vollzeit, das hat sich für ihn nicht mehr stimmig angefühlt.
Also hat er angefangen, neu zu denken. Nicht nur sein Arbeitsmodell, sondern auch sich selbst. Weg von der klassischen Frage „Was mache ich beruflich?“ hin zu: „Wer will ich eigentlich sein, auch als Vater?“
Jobsharing wurde für ihn die Antwort darauf. Daraufhin arbeitete Lukas vier Jahre lang in 2 verschiedenen Tandems. Und vor allem: mit der Erfahrung, dass Karriere und Familie sich nicht ausschließen müssen.
Bei Dirk war es ein anderer Ausgangspunkt, aber eine ähnliche Konsequenz. Er ist seit vielen Jahren bei Dräger, heute in einer Führungsrolle im Tandem. Der Wendepunkt: die Geburt seines Kindes und die Entscheidung, 18 Monate Elternzeit zu nehmen.
Ein Schritt, der für viele Männer immer noch ungewöhnlich ist. Für ihn war es dagegen klar, wenn wir Gleichberechtigung ernst meinen, dann bedeutet das auch, Verantwortung wirklich zu teilen, nicht nur im Job, sondern auch zu Hause. Nach seiner Rückkehr ging er nicht zurück in ein „weiter so“, sondern bewusst in ein Topsharing-Modell. Gemeinsam mit seiner Tandempartnerin trägt er auch heute noch Verantwortung.
Und dann ist da noch Kibreab. Er arbeitet seit 19 Jahren bei Beiersdorf, war selbst im Jobsharing und begleitet heute zusätzlich als Coach, bei uns im Jobsharing hub, andere Tandems. Er kennt also beide Seiten: die Praxis und die Reflexion darüber.
Was ihn besonders beschäftigt: Warum fällt es Männern oft schwerer, ins Tandem zu gehen, obwohl sie genauso davon profitieren könnten?
Seine Antwort ist ehrlich: „Weil viele von uns anders sozialisiert sind. Weil wir gelernt haben, Verantwortung allein zu tragen. Weil Kontrolle, Zuständigkeit und „mein Bereich“ tief verankert sind. Und weil Jobsharing genau das in Frage stellt.“
„Ich bin Lukas und ich bin Vater“
Was bei allen dreien auffällt: Der Schritt ins Tandem ist selten nur eine organisatorische Entscheidung. Es geht immer auch um Identität. Lukas beschreibt das sehr treffend:
Wenn wir uns vorstellen, sagen viele Männer zuerst ihren Job. „Ich bin Lukas und arbeite bei Beiersdorf.“ Dass man genauso sagen könnte: „Ich bin Lukas und ich bin Vater von drei Kindern“, das war für ihn lange nicht selbstverständlich.
Genau dieser Perspektivwechsel ist es aber, der vieles in Bewegung bringt. Jobsharing ist in diesem Sinne nicht nur ein Arbeitsmodell, sondern eröffnet die Möglichkeit, verschiedenen Rollen im Leben bewusst Raum zu geben – ohne dass die eine gegen die andere ausgespielt werden muss.
Was passiert, wenn man Führung gemeinsam übernimmt? Und wie funktioniert das dann konkret?
Die drei erzählen sehr unterschiedliche Geschichten, aber es gibt ein paar Gemeinsamkeiten:
• Verantwortung wird nicht aufgeteilt, sondern gemeinsam übernommen
• nach außen treten sie als Einheit auf
• und intern braucht es vor allem eines: Abstimmung und Vertrauen
Lukas hat erlebt, wie unterschiedlich Tandems aussehen können, von eingespielten Matches bis zu Konstellationen, bei denen man sich anfangs nicht einmal besonders sympathisch war.
Und trotzdem hat es funktioniert. Warum?
Weil beide Seiten ein klares gemeinsames Ziel hatten und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Dirk beschreibt es ähnlich, aber aus Unternehmenssicht nochmal anders: Jobsharing kann auch eine Antwort auf komplexe Rollen sein. Statt zu versuchen, eine überladene Führungsposition irgendwie „in Teilzeit zu quetschen“, wurde die Rolle bei ihm bewusst erweitert und gemeinsam besetzt. Das Ergebnis: mehr Stabilität, mehr Perspektiven und eine tragfähigere Lösung für alle Beteiligten.
Männer im Tandem und die Reaktionen darauf
Was Lukas und Dirk beide ebenfalls teilen: Der Weg dahin ist nicht immer frei von Reibung. Lange Elternzeit, reduzierte Arbeitszeit, geteilte Führung, das passt für viele noch nicht ins klassische Bild. Dirk erzählt von skeptischen Reaktionen in seinem Umfeld, von Aussagen wie „Diese Rolle kann man nicht in Teilzeit machen“.
Und Lukas bringt es sehr klar auf den Punkt: Männer werden oft für Dinge gelobt, die bei Frauen als selbstverständlich gelten. Genau darin zeigt sich, wie unterschiedlich die Erwartungen noch verteilt sind. Während von Frauen häufig ganz selbstverständlich erwartet wird, dass sie ihre Arbeitszeit reduzieren, sobald Kinder ins Spiel kommen, wird dieser Schritt bei Männern eher hinterfragt.
Für Frauen bedeutet das oft: weniger Sichtbarkeit, geringere Karrierechancen und das Gefühl, sich dauerhaft zwischen Job und Familie aufzureiben. Für Männer dagegen ist der Schritt in Teilzeit oder ins Tandem häufig erklärungsbedürftig, teilweise mit kritischen oder sogar abwertenden Reaktionen verbunden – und wird gleichzeitig nicht selten auch mit Anerkennung oder Bewunderung versehen.
Diese unterschiedlichen Reaktionen zeigen: Beide Geschlechter stoßen auf Widerstände, aber in unterschiedlicher Form. Während bei Frauen strukturelle Nachteile oft bereits mitgedacht und „eingepreist“ sind, erleben Männer häufiger offene Irritation oder Infragestellung.
Diese Dynamik macht sichtbar, wie tief Rollenbilder noch verankert sind. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass Männer diesen Weg gehen.
Nicht als Ausnahme. Sondern als Teil einer neuen Normalität
„Vom Ego zum WEgo“
Kibreab bringt dafür ein schönes Bild mit: Im Tandem geht es nicht mehr nur um das eigene Ego, sondern um ein gemeinsames. Ein „WEgo“.
Was erstmal einfach klingt, ist in der Praxis oft die größte Herausforderung.
• Kontrolle abgeben
• Verantwortung wirklich teilen
• Entscheidungen gemeinsam tragen
Das ist für viele ungewohnt. Aber genau darin liegt auch die Stärke. Denn wenn es gelingt, entsteht etwas anderes: eine Form von Führung, die weniger auf Einzelkämpfertum basiert und mehr auf Zusammenarbeit.
Und was nehmen wir daraus mit?
Vielleicht vor allem das: Der Schritt ins Jobsharing beginnt nicht mit einem Modell. Sondern mit einer Frage. Was brauche ich eigentlich, wer bin ich wirklich, jenseits von klassischen Rollenerwartungen?
Lukas sagt: Bedürfnis klar machen. Dirk sagt: standhaft bleiben. Und beide sagen: Es lohnt sich.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich gerade etwas verschiebt. Nicht nur in Unternehmen. Sondern auch darin, wie Männer Arbeit, Führung und Verantwortung für sich definieren. Denn Männer im Tandem zeigen nicht, dass sie weniger leisten. Sondern dass Leistung auch anders aussehen kann.




Kommentare